Auswandern macht Angst. Das ist normal und gesund. Die Frage ist, welche Ängste realistisch sind – und welche das Gehirn erfindet, um den Statusquo zu schützen. Beide Typen verdienen eine ehrliche Antwort.
Welche Ängste am häufigsten sind
Wer kurz vor der Entscheidung steht, auszuwandern, erlebt selten eine einzelne, klar benennbare Angst. Es ist eher ein Cluster – mehrere Befürchtungen, die sich gegenseitig verstärken.
Die am häufigsten genannten Ängste in einer ungefähren Rangfolge:
- Verlust des sozialen Netzes – Freunde, Familie, vertraute Beziehungen
- Scheitern und beschämt zurückkehren müssen
- Berufliches oder finanzielles Scheitern im neuen Land
- Dauerhafter Einsamkeit ausgeliefert sein
- Das neue Land gefällt mir nicht – und ich sitze fest
- Gesundheit und Notfälle ohne vertrautes System
- Identitätsverlust – wer bin ich, wenn alles vertraut wegfällt?
Wichtig: Nicht alle diese Ängste sind gleichwertig berechtigt. Manche sind realistische Risikoeinschätzungen. Andere sind kognitive Verzerrungen – Produkte eines Gehirns, das Veränderung grundsätzlich als Bedrohung wertet.
Die Angst vor dem Scheitern
Realität: Viele Auswanderer kehren zurück – und das ist keine Niederlage. Wer zurückkommt, hat eine Erfahrung gemacht, die die meisten nie wagen. Beschämt werden meistens nur die, die selbst so denken.
Was hinter dieser Angst steckt: das Urteil anderer. Die Vorstellung, dass Freunde, Familie, Kollegen denken: "Ich wusste es. Typisch." Das ist ein sehr menschliches Gefühl. Es ist aber kein verlässlicher Kompass.
Ein nüchterner Blick: Scheitern beim Auswandern bedeutet meistens, dass man nach 1–2 Jahren zurückkommt. Mit neuer Sprache, neuer Erfahrung, neuer Perspektive. Das ist kein Scheitern. Das ist ein Experiment, das neue Daten geliefert hat.
Wie real ist die Angst? Die soziale Stigmatisierung ist in der Realität viel kleiner als befürchtet – und das Selbstbild leidet weit weniger als erwartet, wenn man tatsächlich gegangen ist und etwas versucht hat.
Angst vor Verlust: Freunde und Familie
Realität: Ja, räumliche Distanz verändert Beziehungen. Manche vertiefen sich durch intensive Besuche und echte Gespräche statt alltäglichem Smalltalk. Andere schlafen ein.
Was viele unterschätzen: Durch Auswanderung werden die wertvollsten Beziehungen oft sichtbar. Die, die trotz Distanz bleiben, meinen es ernst. Die, die verschwinden, wären möglicherweise ohnehin verblasst.
Praktische Realität heute: Video-Calls, Sprachnachrichten, günstige Flüge. Wer in den 1980er-Jahren auswanderte, war wirklich abgeschnitten. Heute ist die physische Distanz emotional wesentlich leichter zu überbrücken.
Wie real ist die Angst? Berechtigt, aber nicht vernichtend. Mit aktivem Kontakthalten lassen sich gute Beziehungen über Distanz erhalten. Die Beziehungen, die man verliert, waren oft weniger tief als gedacht.
Angst vor dem Unbekannten
Das Unbekannte ist per Definition schwer greifbar – und genau deshalb so mächtig. Das Gehirn füllt Wissenslücken mit Worst-Case-Szenarien. Bürokratie im neuen Land? Katastrophal vorgestellt. Gesundheitssystem? Unzugänglich vorgestellt. Sprache? Unüberwindbar vorgestellt.
Was wirklich passiert: Die meisten Herausforderungen im Ausland sind lösbar – langsamer, umständlicher, frustrierender als in Deutschland, aber lösbar. Bürokratie gibt es überall. Ärzte gibt es überall. Sprache lernt man, wenn man muss.
Der Mechanismus dahinter: Das Gehirn bewertet bekannte Schmerzen als weniger schlimm als unbekannte Schmerzen – selbst wenn der bekannte Schmerz objektiv größer ist. Eine bekannte unbefriedigende Situation fühlt sich sicherer an als eine unbekannte potenziell bessere.
Was hilft: konkrete Strategien
Angst durch Vorbereitung zu reduzieren ist legitimiert – solange Vorbereitung nicht zur Prokrastination wird.
- Aufschreiben, was genau Angst macht: Vage Angst ist mächtiger als konkrete Angst. Wer schreibt "Ich habe Angst, keine Arbeit zu finden", kann recherchieren. Wer schreibt "Ich habe einfach Angst", kann nicht handeln.
- Gespräche mit Auswanderern führen: Nicht mit denen, die alles glorifizieren – sondern mit denen, die ehrlich über die schwierigen Phasen sprechen.
- Zeitlich befristet denken: Kein "Ich wandere für immer aus", sondern "Ich probiere es zwei Jahre." Reversibilität nimmt den existenziellen Druck.
- Einen Notfallplan definieren: Was tue ich, wenn es wirklich nicht klappt? Ein konkreter Plan B macht den Plan A weniger bedrohlich.
- Gut vorbereitete erste Schritte: Wohnung, Bankkonto, Krankenversicherung vor der Abreise klären – das Unbekannte verkleinert sich durch Vorbereitung.
Was nicht hilft
Einige Strategien im Umgang mit Auswanderungs-Angst sind kontraproduktiv:
- Endlose Recherche ohne Entscheidungshorizont: Wer zwei Jahre lang Blogs liest, Foren durchforstet und Podcasts hört, aber nie entscheidet, hat die Angst durch Wissen ersetzt – ohne sie zu verarbeiten.
- Alles mit anderen absprechen, die nie ausgewandert sind: Wer sich nur von Menschen beraten lässt, die nie auswanderten, bekommt überwiegend risikoaverse Ratschläge.
- Warten, bis die Angst weg ist: Die Angst verschwindet nicht vor dem Schritt. Sie verschwindet meistens während oder danach.
- Perfekte Bedingungen abwarten: Die perfekten Bedingungen existieren nicht. Job, Partner, Gesundheit, Finanzen – immer gibt es einen Grund zu warten.
Wie Auswanderer ihre Angst beschreiben
Menschen, die den Schritt gemacht haben, beschreiben ihre frühere Angst rückblickend auffallend ähnlich:
"Die Angst war viel größer als das, wovor ich mich gefürchtet habe."
"Ich hatte Angst, meine Freunde zu verlieren. Ich habe ein paar verloren und dafür bessere gefunden."
"Ich dachte, ich würde scheitern. Ich bin gescheitert. Und bin trotzdem geblieben."
"Der schwierigste Moment war die Woche vor dem Abflug. Danach wurde es jede Woche leichter."
Angst als Kompass, nicht als Stopp: Angst, die informiert – die fragt, was genau ich fürchte und was ich vorbereiten kann – ist wertvoll. Angst, die lähmt – die jeden Schritt verhindert, weil etwas schiefgehen könnte – ist ein Denkfehler. Der Unterschied liegt nicht in der Intensität der Angst, sondern in dem, was man mit ihr macht.
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Ist die Angst vor dem Auswandern normal?
Absolut. Angst vor großen Veränderungen ist ein normales psychologisches Phänomen. Sie signalisiert, dass die Entscheidung ernst genommen wird. Die Frage ist nicht, ob man Angst hat, sondern ob die Angst informiert oder lähmt. Wie stark solche Zweifel die eigene Lebensplanung beeinflussen, geben Teilnehmende des Abwanderungsmonitors in der Befragung selbst an.
Was ist die häufigste Angst beim Auswandern?
Konsistent am häufigsten genannt: die Angst, das soziale Netzwerk zu verlieren. Gefolgt von der Angst zu scheitern (und zurückkehren zu müssen) und der Angst vor dem Unbekannten. Der Abwanderungsmonitor fragt bei genau dieser Zielgruppe ab, wie wahrscheinlich ein Wegzug für sie persönlich ist – unabhängig davon, welche Sorge im Vordergrund steht.
Anonyme, nicht repräsentative Erhebung · Abwanderungsmonitor Deutschland